Micaela Jary: Das Bild der Erinnerung

Micaela Jary: Das Bild der Erinnerung

erschienen 2013
Verlag: Goldmann Verlag
Seitenanzahl: 416 Seiten
ISBN-10: 3442478855
ISBN-13: 978-3442478859

Inhaltsangabe:

München 2010: Anna Falkenberg arbeitet im Münchner Auktionshaus von Bonhoff als Kunsthistorikerin. Sie soll die Expertise zum Bild „Die Liebenden“ von Leo Reichenstein erstellen, das seit 70 Jahren als verschollen gilt. Ohne einen trifftigen Grund benennen zu können hat sie das unangenehme Gefühl, dass es sich um eine Fälschung handelt. Die alleinerziehende Mutter versucht die früheren Galerie Richardson in London zu kontaktieren, die das Bild verkauft hat. Doch Oliver Richardson erscheint ihr unfreundlich.

Oliver Richardson ist der Enkel von Henry Richardson und leitet nun seine Galerie. Henry war als englischer Soldat in Berlin stationiert, als Deutschland nach dem verlorenen Krieg von den Allierten besetzt wurde. Zusammen mit seinem amerikanischen Freund Philip Coleman leistet er seinen Dienst und handelt zuweilen gegen die ausdrücklichen Befehle der Vorgesetzten. So lernen Henry und Philip Grete Brahm und ihre Nichte Fee kennen, die versuchen, ihr Bestes aus der vertrackten Situation zu machen. Grete Brahm liebt die Kunst und ist daher mit Henry sehr verbunden. Aber die junge Fee hat offenbar nur Augen für Philip.

Während Anna und Oliver versuchen, hinter das Geheimnis des Bildes von Leo Reichenstein zu kommen, passieren merkwürdige Dinge: eMails verschwinden, ein fremder Mann lauert Annas Tochter auf und sie erhält auch noch einen ominösen Droh-Anruf. Anna stellt zudem fest, dass sie viel tiefer mit dem Bild verbunden ist, als sie anfangs auch nur geahnt hat.

Mein Fazit:

Micaela Jary kann wirklich tolle Geschichten erzählen.

In gewohnt ruhiger Art beginnt die Autorin die Geschichte um Anna und Fee zu erzählen. Ich erlebte eine alleinerziehende Mutter mit all ihren kleinen Alltagssorgen. Anna liebt ihre Tochter Emily und ist bitter vom Vater des Kindes enttäuscht, der sich nicht für seinen Nachwuchs interessiert. Das er gerade geheiratet hat und dies medienwirksam bekannt wurde, macht sie auch nicht gerade glücklich. Und dann ist da noch ihr Chef, der ihr offensichtlich Avancen macht und von seiner Frau immer nur von „Frau Bonhoff“ spricht. Da schneit eine kultivierte Dame ins Auktionshaus und bietet ein Bild zur Auktion an. Offensichtlich hat die Dame es eilig mit der Expertise, aber Anna lässt sich nicht von ihrer Intuition abbringen. Denn sie zweifelt die Echtheit des Bildes an – sehr zum Missfallen ihres Chefs.

Während Anna sich mit der Geschichte des Bildes beschäftigt und versucht, frühere Galerien zu kontaktieren, die das Bild verkauft haben, wird die Geschichte von Fee, Grete, Henry und Philip erzählt. In einer bildhaften Sprache presentierte sich mir ein Berlin, das durch den Krieg nahezu zerstört war. Geeigneter Wohnraum war knapp, oftmals lebten die Menschen in fast zerstörten Häusern. Lebensmittel, Medikamente oder gar Kleidung waren Mangelware, ebenso wie eine vernünftige Arbeit. Amerikanische oder englische Zigaretten waren das inoffizielle Zahlungsmittel. Trotzdem versuchten die Menschen ihr Bestes und kämpften Tag für Tag ums Überleben. Die Vollwaise Fee, die zusammen mit ihrer Tante Grete in Berlin lebte, war da keine Ausnahme. Durch die Liebe zur Kunst lernte Grete Brahm den englischen Offizier Henry Richardson und den amerikanischen GI Philip Coleman kennen. Von da an nimmt die Geschichte ihren verhängnisvollen Lauf.

Oliver Richardson ist der einzige Enkel seiner Großeltern. Er leitet die Galerie Richardson im Namen seines Großvaters und das ziemlich erfolgreich. Weniger erfolgreich hat er sein Liebesleben im Griff, denn die Praktikantin Camilla setzt immer wieder gekonnt ihre Reize ein und beinahe wäre er mit Anna Falkenberg nicht in Kontakt gekommen. Die Angelegenheit mit dem Bild von Leo Reichenstein macht ihn neugierig und er fragt bei nächster Gelegenheit seinen Großvater. Doch dieser reagiert gereizt. Irgendetwas stimmt mit dem Bild nicht, dass kann er deutlich spüren und begibt sich selbst auf Spurensuche.

Ich habe mich in allen Handlungssträngen wohlgefühlt und sehr interessiert und gefesselt die Geschichte verfolgt. Mein Kopfkino war besonders aktiv, wenn es um Berlin in der Nachkriegszeit ging. Die Autorin hat alles so wunderbar beschrieben. Das Elend, aber auch die aukeimende Hoffnung nach Frieden und einer glanzvollen Zukunft war immer wieder spürbar. Die Figuren konnte ich mir alle gut vorstellen und sie waren emotional greifbar, sympathisch und sehr liebenswert. Und die politischen Geschicke um das geteilte Berlin waren ebenfalls Thema, wenn auch nicht deutlich. Ich empfinde die Hintergrundgeschichte als sehr gut recherchiert. Im Gegenwarts-Erzählstrang wird es dann auch richtig spannend. Der Hauch von Mafia streifte Anna und ich fieberte regelrecht mit, was es mit dem Bild wirklich aufsich hatte. Die Lösung dessen ist genial und doch einfach. Vorsehbar war es definitiv nicht!

Ein tolles Buch, welches mir die deutsche Geschichte wieder ein kleines Stückchen näher gebracht hat. Ich vergebe gerne überzeugte fünf Sterne mit einer ausdrücklichen Lese-Empfehlung.

Anmerkung: Ich habe es als eBook gelesen.

Veröffentlicht am 15.08.17!

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2 Gedanken zu „Micaela Jary: Das Bild der Erinnerung

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