Charlotte Link: Am Ende des Schweigens

Charlotte Link: Am Ende des Schweigens

Erschienen 2003
Verlag: Goldmann Verlag
Seitenanzahl: 603 Seiten
ISBN-10: 3442460832
ISBN-13: 978-3442460830

Inhaltsangabe:

Stanbury ist ein kleiner Ort und liegt im Westen Yorkshires. Seit jeher verbringen drei deutsche Ehepaare und dazugehörige drei Kinder in Stanbury House, einem alten Anwesen, ihre Ferien. Patricia Roth erbte es einst von ihrem Großvater Kevin McGowan.

Jessica Wahlberg ist erst seit kurzem mit Alexander verheiratet. Doch schon ziemlich bald hat sie ein klares Bild von den Freunden ihres Mannes. Alexander, Tim und Leon verbindet eine ungewohnt obsessive Freundschaft seit dem Internat. Und deren Frauen sind auch nicht immer leicht zu ertragen. Um Ricarda, ihre Stieftochter, bemüht sie sich, aber das 15jährige Mädchen hat die Scheidung ihrer Eltern nicht verwunden und verachtet Jessica abgrundtief. Um nicht völlig von der angespannten Atmosphäre eingenommen zu werden, unternimmt Jessica lange Spaziergänge in der rauhen und wilden Landschaft. Da sie schwanger ist, tut ihr die Bewegung ohnehin gut.

Gerade verbringen sie wieder die Osterferien in Stanbury House, da taucht Philip Bowen auf. Er behauptet steif und fest, dass Kevin McGowan sein Vater gewesen sei. Somit versucht er seine Ansprüche gegenüber Patricia geltend zu machen. Aber er hat keine Beweise und nur die Aussage seiner Mutter, die jedoch schon verwirrt war und unter der Wirkung von Medikamenten stand. Patricia, immer bemüht, das perfekte Bild einer intakten Familie abzugeben, weist ihn ab.

Als Jessica eines Mittags von einem langen Spaziergang zurückkommt, findet sie vier Leichen und ein schwer verletztes Mädchen auf dem Anwesen vor. Auch ihrem Mann wurde brutal die Kehle durchgeschnitten. Die polizeilichen Ermittlungen beginnen und für Leon steht völlig außer Frage, dass Philip Bowen die Tat begangen hat. Doch er kann ein Alibi vorweisen. Jessica versucht den Geheimnissen der Männerfreundschaft auf die Spur zu kommen und beendet damit ein jahrelanges Schweigen um menschliche Abgründe.

Mein Fazit:

Eine eigenartige Stille lag über Stanbury.
Eine große und umfassende Stille, so als habe die Welt aufgehört zu atmen. (Seite 7)

Dieses Zitat ist der Beginn einer Geschichte, die vielschichtiger nicht sein könnte. Elf Personen sind in das Drama um Stanbury House verwickelt und sechs überleben das Massaker. Wer der Frage nachgeht, wer welche Geheimnisse mit sich trägt, kommt auch der Antwort nach dem Mörder ziemlich nahe.

Drei Ehepaare machen immer wieder gemeinsam Ferien in Stanbury House. Leon und Patricia gehört das Anwesen, wobei ziemlich schnell klar wird, das Patricia die dominante Person in der Ehe ist. Leon, erfolgloser Anwalt, fühlt sich dem Druck seiner Frau nicht mehr gewachsen und der Schuldenberg wächst ins Unermessliche. Die beiden Töchter kommen ganz nach Patricia: Alle Annehmlichkeiten werden als selbstverständlich hingenommen. Tim ist als Psychotherapeut sehr erfolgreich und will gerade an seiner Doktorarbeit schreiben, während Evelin den Verlust ihres Kindes vor vielen Jahren noch immer nicht verwunden hat. Aus Kummer und mangelndem Selbstbewusstsein frönt sie heimlich ihren Fress-Orgien. Ihrer Tollpatschigkeit ist es zu verdanken, dass sie ständig irgendwelche Verletzungen hat. Alexander ist Universitätsprofessor und gerade erst frisch mit Jessica verheiratet. Seine Tochter Ricarda steckt mitten in der Pubertät und ist das erste Mal schwer verliebt. Sie lehnt Jessica ab. Obwohl dies nicht der Tatsache entspricht, gibt Ricarda ihr die Schuld am Scheitern der Ehe ihrer Eltern.

Und dann ist da noch der Außenseiter Philip Bowen, der glaubt, einen Anteil an Stanbury House zu haben. Seine Mutter hatte vor kurz vor ihrem Tod Kevin McGowan als Vater genannt, aber es gibt keinerlei Beweise für die damalige Affäre. Kevin McGowan lebte völlig zurückgezogen in Stanbury House, ehe er es seiner Enkeltochter Patricia nach seinem Tod vererbte. Philips Schatten ist Geraldine. Geraldine ist ein mittelmäßiges Model und unterstützt ihn seit Jahren, obwohl er ihr immer wieder zu verstehen gibt, dass er sie nicht liebt. Trotz aller Demütigungen hält sie an ihm fest und sie versucht ihn von seinem Fanatismus abzubringen. Doch das scheint für sie aussichtslos zu sein, bis dieses Verbrechen geschieht!

Die Geschichte beginnt mit ruhigem Tempo. Alle Figuren erhalten ausreichend Platz, um sich zu präsentieren. Am Anfang kam ich mit den Paar-Konstellationen manchmal etwas durcheinander, aber das gibt sich mit der Zeit. Meist ist Jessica die Hauptfigur, denn sie ist neu in die Gruppe gekommen und kann in einem neutraleren Blickwinkel die Situationen beurteilen. Von Anfang an spürt sie unterschwellig Spannungen zwischen den Paaren und sie selbst nimmt sich da nicht aus. Ihr sind ständige Gruppen-Aktivitäten zuwider und löst mit ihrer individuellen Urlaubsgestaltung ebenfalls Diskussionen aus. Von der Schwangerschaft weiß nur ihr Mann und um auf Evelin Rücksicht zu nehmen, soll es auch erst so bleiben. In einigen Abschnitten wird die verdrehte und beidseitig abhängige Beziehung zwischen Philip und Geraldine erzählt. Auch hier tun sich Abgründe von zwischenmenschlichen Beziehungen auf und eins ums andere Mal musste ich schon tief schlucken.

Da im weiteren Verlauf Jessica als Haupt-Protagonistin auftaucht, ist ziemlich schnell klar, dass sie nicht die Mörderin von Stanbury House sein kann. Sie kann nicht um ihren Mann trauern, denn sie selbst wurde von ihm sehr verletzt. Aber sie beginnt Fragen zu stellen, bei allen Überlebenden!

Ab der Hälfte des Buches konnte ich mich nicht mehr richtig davon losreißen. Es baute sich immer mehr die Spannung auf und die Auflösung ist infernal wie auch verstörend. Denn damit werden Geheimnisse preisgegeben, die ich so nicht vermutet habe (und ich habe viel überlegt). Sehr geschickt hat die Autorin Spuren gelegt, kaum wahrnehmbar und harmlos wirkend. Und doch passt alles zusammen. Dabei hat sie die verschiedenen tiefgründigen Persönlichkeiten gekonnt in Szene gesetzt, dass ich manchmal erschrocken den Atem angehalten habe. Alle Figuren waren für mich greifbar, nicht alle sympathisch, aber doch für mich sehr gut vorstellbar. Manchmal glaubte ich sogar, ich würde dort irgendwo in einer Ecke sitzen und gespannt den Geschehnissen lauschen.

Ein großartiger Roman, für mich ein echter Pageturner. Ich bin ja eher nicht so die Krimi-Spezialistin, aber dieser hat mir ausgesprochen gut gefallen. Denn es stehen die menschlichen Abgründe im Vordergrund, die Auflösung resultiert dann automatisch. Diese Geschichte ist ein wunderbares Beispiel, was Lügen und Schweigen auf Jahre hin auslösen können. Fünf Sterne und eine klare Lese-Empfehlung von mir.

Veröffentlicht am 17.09.17!

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