Ángeles Doñate: Der schönste Grund, Briefe zu schreiben

Lesezeit: 4 Minuten

Ángeles Doñate: Der schönste Grund, Briefe zu schreiben

Originaltitel: El invierno que tomamos cartas en el asunto (2015)
übersetzt von Anja Rüdiger
Verlag: Thiele & Brandstätter Verlag
Seitenanzahl: 420 Seiten
ISBN-10: 3851793412
ISBN-13: 978-3851793413

Inhaltsangabe:

Das Postamt im kleinen spanischen Dorf Porvenir soll nach über 100 Jahren geschlossen und die Postbeamtin Sara nach Madrid versetzt werden. Weder Sara noch den übrigen Dorfbewohnern -insofern sie es wissen- sind von der drohenden Versetzung begeistert. Ihre sehr betagte Nachbarin Rosa hat plötzlich eine Idee: Sie beginnt einen Kettenbrief in dem beseelten Wunsch, dass Sara doch noch in Porvenir bleiben darf.

Ohne Absender verschickt Rosa einen Brief in ein schon lange leerstehendes Haus und just zu dieser Zeit flieht die junge angehende Poetin Alma in dieses Dorf. Ihre Großmutter hatte ihr das Haus hinterlassen und um sich in Ruhe Gedanken über ihre Zukunft zu machen, will sie ein paar Tage dort verweilen.

Nicht nur der Kettenbrief berührt sie bis ins Innerste, auch die Bekanntschaft zum jungen Mann Alex lässt ihr Herz höher schlagen. Und Porvenir kämpft schließlich um die einzige Postbeamtin, die es hat und dabei werden Ereignisse in Gang gesetzt, die die Menschen in dem kleinen Dorf für immer verändern.

Mein Fazit:

Cover und Klappentext sprachen eine eindeutige Sprache für mich – es reizte mich sehr, als unsere Gisela es zur Leserunde vorschlug. Also war es nahezu abgemachte Sache.

Das Cover ist wirklich schön gestaltet. Eine scheinbar junge Frau auf einem Fahrrad, welches einen ungepflasterten Weg entlang fährt, ist in weichen Farben abgebildet. Ein Briefumschlag liegt auf dem Boden. Es riecht nahezu an (Familien-)Geheimnissen. Und es gibt eine Menge Geheimnisse in diesem Buch. Und genauso viele Briefe!

Rosa hat von der drohenden Versetzung ihrer jungen Nachbarin erfahren. Rosa hatte damals bei Saras Geburt geholfen. So hat sie zu der jungen alleinerziehenden Mutter von drei Kindern eine besondere Beziehung. Und da sie noch eine schmerzliche Wunde im Herzen hat, tut sie das, was naheliegt: Sie schreibt einen Brief und bittet den Empfänger, es ihr gleich zu tun. Nebenbei hat sie von ihrer tiefen Schuld und ihren seit über 60 Jahren schwelenden Konflikt in ihrer Seele geschrieben. Obwohl sie nicht weiß, ob und wer den Brief bekommt, hat sie ihre Seele offenbahrt. Und um so etwas ähnliches bittet sie auch den Empfänger des Briefes, denn sie möchte das Postamt in dem kleinen Dorf retten.

Alma ist von ganzem Herzen Poetin. Sie möchte am liebsten den ganzen Tag Gedichte schreiben. Doch bislang hat sie damit kein Geld verdienen können und ihre Eltern bedrängen sie, sich endlich zu entscheiden, was sie in Zukunft machen will. Und so flüchtet sie in das Haus ihrer Großmutter in Porvenier. Sie hat es geerbt und glaubt, als vorübergehende Lösung dort wohnen zu können, bis ihre Ersparnisse aufgebraucht sind. Doch dann trifft sie auf Alex. Alex ist ein leidenschaftlicher Entdecker und Abenteurer – in seiner Fantasie. Denn die Krankheit seines Vaters verhinderte bisher, dass er verreisen kann. Während seine ganzen Freunde in die Ferne gezogen sind, blieb er in dem kleinen Dorf an der Seite seines Vaters. Dann trifft er auf Alma und ihrer beider Leben verändert sich – nicht nur durch die Briefkette.

Es gibt einige wichtige Figuren in diesem Buch, doch Rosa, Alma, Alex und die Postbeamtin Sara spielen hier die Hauptrolle. Dabei sind die Handlungsstränge vorerst getrennt (auch die der Briefe), aber sie werden immer weiter ineinander verwoben. Dabei konnte ich einige berührende Briefe lesen, die von Schicksalen berichteten, die es realistisch gesehen überall gibt, in Porvenir treffen sie aber mit aller Macht und Konzentration aufeinander. Es werden traurige wie auch berührende Geschichten erzählt, mit Poesie und einer unübersehbaren Liebe zur Sprache. Der Stil der Briefe ist in allen nahezu gleich, was auch gleichzeitig ein kleiner Kritikpunkt ist: Denn nicht jeder Mensch kann solch‘ schöne Briefe schreiben. Da hätte ich mir gewünscht, den Stil des Briefes an die Person entsprechend anzugleichen.

Die Autorin besitzt eine große Liebe zur Literatur. Sehr viele Zitate von großen Schriftstellern, Poeten und anderen wichtigen Persönlichkeiten sind enthalten. Ich kenne noch nicht einmal einen Bruchteil dieser Zitate. Und dann erst diese vielen Zitate aus Liebesbriefen, das ist wirklich sehr bemerkenswert.

Alle wichtigen Figuren werden sehr liebevoll gezeichnet. Sie entwickeln sich kontinuierlich weiter. Das kleine Dorf erwachte vor meinem inneren Auge zum Leben, manchmal glaubte ich fast, ich säße zwischen den ganzen Menschen und würde mir ihre Geschichten anhören und sie mit Lächeln oder Seufzen begleiten. Und zum Ende mutet es etwas kitschig an, ich empfand es jedoch nicht so. Es passte alles wunderbar zusammen und ich hatte an der einen oder anderen Stelle Pipi in den Augen.

Ein Buch, dass mich wirklich sehr bewegt und gefesselt hat und mich überlegen ließ, auch mal einen Kettenbrief zu starten. Einfach so, um zu testen, wer heutzutage überhaupt noch handschriftliche Briefe schreibt und dabei sein Innerstes nach außen kehrt. Dieses faszinierende Werk erhält fünf Sterne mit einer unbedingten Lese-Empfehlung.

Veröffentlicht am 26.02.17!

2 Gedanken zu „Ángeles Doñate: Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“

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