Cecelia Ahern: Wie perfekt willst du sein?

Lesezeit: 4 Minuten

Cecelia Ahern: Wie perfekt willst du sein?

Originaltitel: Flawed (2016)
übersetzt von Anna Julia Strüh und Christine Strüh
Verlag: FISCHER FJB
Seitenanzahl: 480 Seiten
ISBN-10: 3841422357
ISBN-13: 978-3841422354
Dies ist der 1. Teil der Flawed-Reihe.

Inhaltsangabe:

Celestine North ist 17 Jahre alt und gilt als beste Schülerin in ihrem Jahrgang. Und sie will perfekt sein, sich moralisch und gesetzlich immer richtig verhalten. Denn wer sich einen Fehler erlaubt, wird gebrandmarkt und kann den Status des „Fehlerhaften“ nie wieder verlieren.

Kaum hat sie den Schock verdaut, dass ihre Nachbarin fehlerhaft sein soll, gerät sie selbst in Schwierigkeiten. Obwohl es verboten ist, einem Fehlerhaften zu helfen, kann sie nicht anders. Sie hilft einem alten Mann in einer Not-Situation und wird sogleich von der Gilde abgeführt.

Bosco Crevan, der vorsitzende Richter der Gilde und gleichzeit Freund und Nachbar, drängt sie, die Situation falsch wiederzugeben. Er will sie zum Lügen bewegen, obwohl dies ebenso als moralisch verwerflich gilt und eine Brandmarkung zum Fehlerhaften zur Folge hat. Doch tief in ihrem Innern kann sie sich keinen Vorwurf machen. Sie hat aus Mitleid gehandelt und findet daran nichts Falsches. Und dies gibt sie auch im Gerichtssaal preis.

Richter Crevan ist erschüttert und verdonnert sie zu fünf Bandmarken. So ein hartes Urteil wurde noch nie ausgesprochen und die Gesellschaft beginnt sich zu spalten. Für Celestine jedoch beginnt ein Leben voller Demütigungen und Ausgrenzungen. Und alle politischen Beteiligten versuchen sie für ihre Zwecke zu mißbrauchen.

Doch wem kann Celestine noch trauen? Wer will ihr wirklich helfen und wie kann sie eine Veränderung in der Gesellschaft herbei führen?

Mein Fazit:

Das ist ja mal ein gelungener Genre-Wechsel.

Cecelia Ahern hatte durchaus schon einen Hang für besondere Geschichten. Aber dieser Roman beweist, dass sie noch vielseitiger ist. Denn sie hat eine Gesellschaft erschaffen, die durchaus im Bereich des Möglichen liegt und in Teilen auch heute schon (oder noch) bereits existiert.

Die Gilde entstand, weil vor vielen Jahren die Menschen nicht in der Lage waren, aus ihren moralischen Fehlern zu lernen. Wirtschaftsbosse und Politiker wurden für ihre Fehltritte nicht zur Rechenschaft gezogen und das Land lag am Boden. Um die Gesellschaft zu perfektionieren, wurde die Gilde gegründet, die sich als moralische Institution sieht und all jene verurteilt, die sich einen Fehler leisten. Während Gefangene nach ihrer Strafe rehabilitiert werden, behalten die „Fehlerhaften“ ihren Status ein Leben lang. Sie werden auf Schritt und Tritt kontrolliert, dürfen nur noch die Grundnahrungsmittel zu sich nehmen und sie unterliegen einer Ausgangssperre in den Abendstunden. In gehobene Positionen dürfen sie nicht eingestellt werden und von den anderen Gesellschaftsschichten werden sie geächtet und gemieden, als wären sie Aussätzige. Und das allerschlimmste: Sie erhalten Brandmale, damit man immer ihren Status erkennt.

In dieser Welt lebt Celestine, behütet aufgewachsen und geliebt von ihrer Familie. Zum ersten Mal ist sie verliebt, in Art, dem Sohn des Vorsitzenden Richters der Gilde Bosco Crevan. Und ihre Beziehung ist bislang kein Problem, im Gegenteil, sie schmieden Zukunftspläne. Doch dieser eine Fehltritt im Bus verändert das Leben der beteiligten Personen kolossal: Art ist erbost über das Verhalten seines Vaters und verlässt die Familie. Celestines Schwester Juniper fühlt sich schuldig, weil sie dabei war und geschwiegen hat. Ihr kleiner Bruder Ewan hat plötzlich Angst vor ihr und will nicht mehr mit ihr an einem Tisch sitzen. Ihre Eltern geben sich Mühe, die ganze Situation aufzulockern und helfen ihr, wo sie nur können. Der Schulbesuch steht ebenfalls auf der Kippe wie ein späteres Studium.

Richter Crevan gibt den Anschein der Bestechlichkeit und versucht offenbar seine Position für private Interessen zu nutzen. Als Celestine ihm in den Rücken fällt, kennt sein Hass keine Grenzen. Er erhöht die Strafe im Alleingang, da dies jedoch seine Kompetenzen eindeutig überschreitet, beginnt er eine große Vertuschungs-Aktion. Aber nicht alles kann er verschwinden lassen oder zum Schweigen bringen. Und das ist Celestines große Trumpf-Karte. Nur wo der Beweis ist, weiß sie nicht. Und da sie nun eine Fehlerhafte ist, darf ihr außer der Familie niemand helfen.

Mich hat diese Geschichte von der ersten Seite in den Bann gezogen. Die Seiten flogen nur so dahin und ich konnte mir ein gutes Bild machen, das an Grausamkeit kaum zu überbieten ist. Die Autorin geht da nicht gerade zimperlich mit ihren Lesern um, mutet ihnen was zu, was ich jedoch auch sehr bewundernswert finde. Denn die Art der Diskriminierung existierte schon vor langer Zeit und hat bis heute in Teilen ihre Gültigkeit behalten: z. B. bei der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA oder die Ausgrenzung der Juden in NS-Deutschland. Die Autorin hat einen wunden Punkt getroffen, aber die Thematik ist sehr geschickt umgesetzt. Dieser Spiegel der Gesellschaft ist so wichtig, damit man die Menschlichkeit und die Menschenrechte nicht aus den Augen verliert.

Ich habe mit Celestine gelitten, geweint und gekämpft. Wenn ich las, war ich vollkommen gefangen und konnte mich – auch gedanklich – nur schwer daraus lösen. Die eine oder andere Person zog sich ebenso meinen Zorn auf sich wie anderen mein Herz zuflog.

Was mich jedoch total gestört hat (und dafür kann die Autorin überhaupt nichts), war die Tatsache, dass es in einem Hardcover eine Leseprobe vom zweiten Teil gibt. Ich meine, im eBook oder bei Taschenbuch kann ich es akzeptieren. Aber die Hardcover sind teilweise wirklich teuer und ich bestehe darauf, nur dieses Buch zu kaufen und nicht noch andere Texte (außer Glossar und Nachworte).

Trotzdem bekommt der erste Teil begeisterte fünf Sterne und ich freue mich auf den zweiten Teil.

Veröffentlicht am 09.04.17!

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