Anja Jonuleit: Rabenfrauen

Anja Jonuleit: Rabenfrauen

erschienen 2016
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Seitenanzahl: 400 Seiten
ISBN-10: 3423261048
ISBN-13: 978-3423261043

Inhaltsangabe:

Sommer 2010: Annes Lebensgefährte Maximilian ist unerwartet in der Heide verstorben. Sie kehrt in die „Baracke“ zurück, um sich um sein Vermächtnis zu kümmern und lernt gleich schon zu Beginn ihre neuen Nachbarn kennen.

Renate und Horst sind sehr nette, aber scheinbar recht einfältige Menschen. Sie erzählen Anne von ihrem bisherigen Leben in einer Sekte in Chile. Unter dem Deckmantel der Urchristlichkeit frönten sie ein tristes Dasein in ständiger Angst und ohne menschliche Nähe und Vertrauen. Gewalt, Misstrauen und harte Arbeit begleiteten sie Tag für Tag.

1959: Ruth und Christa sind Freundinnen fürs Leben. Noch ein Jahr bis zum Abitur haben sie und im Sommer bessern sie ihr Taschengeld mit Käfersammeln auf. Dann entdecken sie ein Zeltlager, vom Prediger Paul Schäfer organisiert. Beide Mädchen verlieben sich in Erich, der stets in „Onkel Pauls“ Nähe ist. Während Christa immer mehr in den Sumpf der urchristlichen Gemeinde gezogen wird, versucht Ruth alles, um die Freundschaft und somit auch Christa zu retten. Aber der Einfluss von Onkel Paul und seiner Gemeinde wird immer größer und bringt nicht nur ihre Freundschaft ins Wanken.

Mein Fazit:

Das Schicksal der Menschen in der Colonia Dignidad (zu Deutsch: Kolonie der Würde) wurde erst in den letzten Jahren so richtig bekannt, nicht zuletzt auch durch den Film mit Daniel Brühl und Emma Watson.

Dieses Buch handelt von drei Frauen, die alle in irgendeiner Form mit dieser Sekte in Berührung gekommen sind. In wechselnden Abschnitten – Anne, Ruth und Christa – hat die Autorin veranschaulicht, was mit den Menschen passierte, die sich dem Einfluss von „Onkel Paul“ nicht mehr entziehen konnten. Zwar sind die Schicksale der drei Frauen erfunden, stehen aber für viele Menschen, die tatsächlich dort gelebt haben. Wobei man dazu sagen muss, dass nur Christa tatsächlich in der Sekte lebte. Ruth und Anne sind auf andere Weise davon betroffen.

Was für ein Grauen offenbart sich da dem Leser? Und immer wieder stellt man sich die Frage, warum die Menschen sich das alles gefallen ließen? Wie konnte ein Mann mit einer zweifelhaften Moral nur so etwas über Jahrzehnte bewerkstelligen? Was für mich eigentlich noch schlimmer ist: Er hat nicht nur die Menschen in der Kolonie zu 100% kontrolliert, sondern auch die hiesige ortsansässige Politik auf seine Seite gezogen. Selbst die Deutsche Botschaft unterstützte ihn. Es wurde gequält, gefoltert, gemordet und abgrundtiefes Misstrauen und Verachtung gegenüber anderen erzeugt! Flucht war praktisch unmöglich und doch haben es wohl einige geschafft.

Die Autorin hat nach Recherche von Zeugenberichten und anderen Dokumenten dieses Buch geschrieben, auch hat sie mit einigen Opfern persönlich gesprochen. Es ist fesselnd und bewegend zugleich, auch wenn mich vieles fassungslos machte. Eindringlich werden die Vorgänge in der Kolonie geschildert, dass ich manchmal den Atem anhielt!

Fünf Sterne vergebe ich für dieses Zeitzeugnis und spreche eine klare Lese-Empfehlung aus!

Veröffentlicht am 11.02.18!

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