Kindeswohl

Lesezeit: 3 Minuten

Kindeswohl (2017)
Originaltitel: The Children Act

Regie: Richard Eyre
Drehbuch: Ian McEwan
Produktion: Célia Duval, Duncan Kenworthy, Charles Moore
Musik: Stephen Warbeck
Kamera: Andrew Dunn
Darsteller: Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead, Jason Watkins, Anthony Calf, Rosie Cavaliero, u.v.a.
Dauer: 105 Minuten
Romanvorlage: „Kindeswohl“ von Ian McEwan

Inhaltsangabe:

Fiona Maye (Emma Thompson) kennt als Richterin am Familiengericht in London eigentlich nur ihre Arbeit. Ihre Ehe mit Professor Jack (Stanley Tucci) läuft eher nebenher. Daher ist sie völlig überrascht und außer sich, als Jack ihr eröffnet, vielleicht eine Affäre zu haben, weil er sich von seiner Frau vernachlässigt fühlt.

Gerade in dieser Zeit, als ihre Ehe eine Zerreißprobe bestehen muss, wird ihr ein dringlicher und tiefgreifender Fall übertragen: Adam Henry (Fionn Whitehead) ist 17 Jahre alt und benötigt dringlich eine Bluttransfusion. Doch als Zeugen Jehovas lehnen er und seine Eltern dies ab. Das Krankenhaus klagt auf Behandlung.

Für Fiona ist es eine schwierige Entscheidung, denn der Aspekt der Religion ist genauso wichtig wie die lebensrettenden Maßnahmen. Um sich ein genaueres Bild machen zu können, besucht sie Adam entgegen der Gepflogenheit im Krankenhaus. Diese Begegnung ist nur von kurzer Dauer, aber sie hinterlässt bei Adam einen tiefen Eindruck. Schließlich entscheidet sie als Richterin für die lebensrettende Maßnahme.

Für Adam ist die Sache jedoch noch nicht erledigt und er sucht sie auf, um Fragen auf seine Antworten zu erhalten. Er bringt sie damit immer mehr in Bedrängnis und dazu, sich und ihre Haltung zu hinterfragen.

Mein Fazit:

Fiona Maye, womöglich die beste Leistung von Emma Thompson, steckt nicht nur in einer Lebenskrise, sondern muss eine kühle Entscheidung bei einem Jugendlichen treffen, der offensichtlich nicht leben will und jede lebensrettende Behandlung ablehnt, weil seine Glaubensgemeinschaft dies für unrein hält. Dieser Zwiespalt, ihr privates Leben das von beruflichem zu trennen, ist deutlich spürbar. Am meisten bekommt es der Sekretär (Jason Watkins) ab, der aber auch wirklich an der einen oder anderen Stelle wie ein unbeholfener Trottel wirkt.

Jack Maye, ein Professor und auf die jungen Studentinnen auf seine eigene Art attraktiv wirkend, gibt es mit der großen Leere in seinem Leben nicht mehr zufrieden. Seine Frau bemerkt vieles nicht mehr, weil sie zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt ist. Ja, sie wirkt sogar wie Workaholic, bettelt förmlich um Bereitschaftsdienste und ähnliches. Kinder hat das Paar nicht, was vermutlich zu einer Vertiefung ihrer Beziehung zueinander geführt hätte.

Der Film glänzt durch sparsame Dialoge, die jedoch wiederum Fragen aufwerfen. Die Interaktion der Figuren erfolgt eher durch das Mienenspiel, was Emma Thompson fantastisch beherrschte. Ihr Blick sagte oft mehr aus als ihre Worte. Die Geschichte wird ruhig erzählt und die Wirkung erfolgt eher im Nachhall, wenn man darüber nachgedacht hat. Und dabei lässt der Film viel Freiraum für die eigene Haltung und Einstellung. Sicherlich gibt es viele Diskussionen über das Wenn und Aber einer solchen Entscheidung, wo das Leben des Kindes das oberste Gebot ist. Und dürfen Richter überhaupt auch Krisen im Privatleben haben? Darf es die Entscheidungen bei Gericht beeinflussen? Und wann endet die Neutralität und beginnt die Befangenheit?

Ich bin keine Rechtsexpertin, daher kann ich es nur auf einer menschlichen Ebene beurteilen. Und auch dort ist nicht wirklich eindeutig. Wo beginnt oder endet die Verantwortung, die man mit der Entscheidung übernommen hat? Dafür müsste man vielleicht die Romanvorlage lesen, aber beim ersten Überfliegen der Bewertung habe ich erkannt, dass es bei der Beurteilung des Buches auch nicht so ganz eindeutig ist. Es gibt alle Facetten der Bewertungen.

Der Film lässt mich nicht ratlos zurück, aber nachdenklich. Er war ergreifend und äußerst emotional. Und doch kann ich nicht alles gutheißen, was er darstellt. Emma Thompsons Darstellung hat mich zutiefst beeindruckt. Aber auch Fionn Whitehead ist grandios und das für so einen jungen Schauspieler.

Insgesamt bewerte ich den Film mit 90% und einer klaren Empfehlung.

Veröffentlicht am 13.06.19!

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