Stefanie Gregg: Nebelkinder

Nebelkinder Book Cover Nebelkinder
Stefanie Gregg
2020
Belletristik
Aufbau TB Verlag
384
3746635926

Inhaltsangabe:

2017: Die 39jährige Lilith kann sich nicht binden. Ihr Herz gehört Robert, der meist nie lange bleibt und doch bittet er sie um etwas Unmögliches: Sie soll sich um sein Kind kümmern, das er in einer Nacht mit ihrer Cousine gezeugt hat. Seine Frau käme mit dem Kind nicht klar und da die Cousine inzwischen verstorben ist, bliebe nur noch sie.

Sie lehnt es vorerst ab und bespricht es mit ihrer Mutter Ana. Zu ihr hat Lilith seit jeher ein distanziertes Verhältnis. Anas Leben ist auf Sicherheit aufgebaut und als Richterin sorgte sie stets gut für ihre Tochter. Doch was wirklich in ihrem Herzen schlummert, erfährt Lilith, als sie gemeinsam nach Breslau fahren, der Heimat von Käthe –Liliths Oma und Anas Mutter!

Anfang 1945: Käthe und die beiden Töchter Ana und Leni leben in Breslau. Ludwig ist im Krieg in Italien. Die Ostfront kommt immer näher und somit auch die Flucht. Schon fast zu spät kommen sie noch mit dem letzten Zug aus Breslau heraus. Doch die Reise, unter bitterster Kälte und größtem Hunger, fordert von allen Familienmitgliedern einen hohen Preis. Die seelischen Verletzungen reichen bis in die Gegenwart.

Auf der gemeinsamen Reise von Mutter und Tochter erfahren sie einander, was sie vorher nicht gekannt hatten. Lilith lernt nicht nur ihre Mutter neu kennen, sondern erfährt auch noch von grausamen Dingen, die damals in Breslau und auf der Flucht vor der russischen Armee passierten. Kann sie das in ihrer Entscheidung beeinflussen? Sind das die Gründe, warum sie nie wirklich Zugang zu ihrer Mutter gefunden hatte?

Mein Fazit:

Und wieder wurde ein dunkles Kapitel beschrieben. Ja, man hörte von den Grausamkeiten, die die russischen Soldaten damals machten. Es wurde leise oder hinter vorgehaltener Hand davon berichtet. Meine Schwiegereltern, beide aus Schlesien, haben beharrlich über den Krieg geschwiegen und wenn, dann nur von schönen Dinge erzählt.

Vor einigen Jahren las ich ein Sachbuch über die Kinder der Kriegskinder, eben diese Nebelkinder, wo zwar nicht von den Kriegsverbrechen in Details erzählt wurde, aber von dessen Folgen, die bis in die zweite oder gar dritte Generation reichten. Eisiges Schweigen und stets das Bedürfnis, die schrecklichen Dinge hinter sich zu lassen und mit Fleiß und Entschlossenheit ein neues Leben aufzubauen. Was mich auch heute noch erschüttert: Obwohl die Flüchtlinge allesamt Deutsche waren, wurden sie wie Fremde behandelt. Man pferchte sie in Lager ein oder sie bekamen sinnbildlich nur den letzten Krumen Brot. Vorher haben sich die „Einheimischen“ den Bauch vollgeschlagen.

Käthe, Ana und Lilith tragen den Krieg noch unbewusst in sich. Es ist gerade für Lilith so tragisch, denn sie wächst in Wohlstand und Freiheit auf, kann sich also überhaupt nicht vorstellen, was ihre Mutter als junges Mädchen oder ihre Großmutter als junge hübsche Frau mit zwei Kindern erdulden musste, nur um die zu schützen, die sie liebte. Selbst die eigenen Landsleute haben sich da nicht mit Ruhm bekleckert und die Situation schamlos ausgenutzt.

Gelegentlich gab es auch Lichtblicke in der Geschichte, die auf drei Zeitebenen spielt und doch in einem Ende gipfelt, nämlich der gemeinsamen Reise von Ana und Lilith. Mit allen drei Frauen konnte ich warm werden, selbst mit Käthe, die nach dem Krieg nie wieder richtig glücklich wurde. Wen wundert es, wenn man die Geschichte liest? Dennoch hat es auch sehr viel Menschlichkeit und birgt Anteilnahme.

Es ist spannend, schockierend, aufwühlend und nachdenklich stimmend geschrieben. Auch jetzt, ein paar Tage nach dem Ende des Lesens, wandern meine Gedanken zu dem zurück, was zwar eine fiktive Geschichte ist, aber exemplarisch für Millionen von echten Geschichten steht. Es ist deutlich zu spüren, dass es der Autorin ein Herzensanliegen war. Denn ein bisschen steckt auch von ihr drin. Auch wenn die Opfer dieser Grausamkeiten es verständlicherweise anders sehen, aber genau diese Geschichten müssen erzählt werden, damit alte Strukturen aufbrechen und die junge Generation(en) freier leben können. Die Lasten wiegen ansonsten zu schwer.

Fünf bewegte Sterne und eine klare Lese-Empfehlung spreche ich aus, gerne auch für den Schulunterricht für die oberen Jahrgangsstufen.

Veröffentlicht am 01.07.20!

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